Schultze mit tz

St. Johann – Kirche der Neustadt

St. Johann – Kirche der Neustadt

Johanniskirche Seitenansicht

Wie schon im Hauptteil beschrieben, gab es nach der Reformation und dem Westfälischen Frieden vier mittelalterliche Innenstadtkirchen in Osnabrück. Zwei wurden  1650 evangelisch – die Katharinenkirche und die Marienkirche-, die anderen beiden – der Dom St. Petrus und St. Johann blieben katholisch, da half es auch nicht, dass bereits am 22.7.1543  der Osnabrücker Reformator Hermann Bonnus in der Johanniskirche predigte. Nur die Marienkirche und Katharinenkirche wurde den Lutheranern zugesprochen.

Die Inschrift lautet wie folgt:
Dietmarus der 13.te Bischof zu Osnabrück baute und stiftete diese St. Johanns Kirche im Jahre Christi 1011.
Er war gebürtig aus Obersachsen; studierte zu Magdeburg wo er Canonicus zu St. Mauritz und Priester wurde; ward Probst zu Aachen, und im Jahre 1003 Bischof zu Osnabrück. Ein freundlicher Mann und treuer Hirt seines Volkes, ein eifriger Prediger und gelehrter Schriftsteller. Er wurde im Alter blind und starb im 20.sten Jahre seines bischöflichen Amtes den 18. Januar 2023 als würdiger Apostel Jesu.

Bischof Dietmar von Osnabrück (1003-1023) gründete vor den Toren der Stadt ein Kollegiatstift, das am 13.10.1011 dann der Grundstein zur Johanniskirche war. Sie ist also eine Stiftskirche. Vor den Toren der Stadt heißt, vor der Altstadt. Er legte damit zugleich den Grundstein zur Neustadt, die bis dahin die sogenannte „Wüste“ war. Diese Neustadt wurde auch bis 1306 getrennt von der Altstadt verwaltet und entwickelte sich so dermaßen schnell, dass sowohl die erste Kirche, als auch ihr Nachfolgebau schnell zu klein war. Bei Gründung 1011 gab es dort nur einige Bauernhöfe, 200 Jahre später hatte man schon eine kleine Stadt mit 2000 Menschen und viel Handel und Handwerk, was auch der Kirche einen Wohlstand bescherte.

Der Westteil St. Johanns zur Johannisstraße

Aus dem Grund fing Bischof Bruno von Isenburg (1251-1258) am 25.3.1256 mit dem Bau einer völlig neuen, um einiges größeren Kirche im Stile der Frühgotik. Geld war zwar mühsam zu beschaffen, doch die Spendenbereitschaft von normalem Volk, Adel und Kirche war vorhanden.

Tor zur Johannisstraße

Drei Jahre zuvor war der Dom 1253/54 abgebrannt und musste jetzt ebenfalls erneuert werden. Man sieht, Geld hatte die Kirche anscheinend, denn  auch die Marienkirche wurde zur selben Zeit renoviert.

Altes Taufbecken

Die Johanniskirche wurde 1292 eingeweiht und war eine der ersten Hallenkirchen Norddeutschland. Hallenkirchen, das sind Kirchen, die besonders durch ein Langhaus wirken. das meiste des Bauwerkes hat eine gleiche Höhe und auch ein gemeinsames Dach. Sie ist über 700 Jahre dann so geblieben, wie sie gebaut wurde, also eine dreischiffige Hallenkirche. Namenspatron ist Johannes der Täufer, der angeblich ein halbes Jahr vor Jesus geboren wurde. Aus dem hebräischen bedeutet Johannes so viel wie „Gott ist gnädig“. Johannes war Sohn des schon sehr betagten Ehepaares Elisabeth und Zacharias. Johannes taufte Jesus im Jordan. Neben Jesus und Maria ist Johannes der Einzige, dessen Geburtstag (24. Juni) gefeiert wird..

Dies Rose nennt sich Maßwerk, das ist eine Gestaltung von Fenstern durch versierte Steinmetze, die auf Geometrischen Mustern fußt und wobei die Steine skelettiert sind. Es ist ein wichtiges Grundelement der Gotik

Der Westbau, der zur Johannisstraße hin liegt, hat eine zwölfteilige Maßwerk-Rose, die vom Architekten und Kirchenbauer Dominikus Böhm (1880-1955)  entworfen wurde.

Das ist die Maßwerk-Rose mit ihren farbigen Fenstern von innen gesehen.

Im Inneren ist viel erhalten geblieben. Z.B. das Triumphkreuz, die Kanzel und der Hochaltar von 1512.

Allerdings erfolgte eine neugotische Ausgestaltung ab dem Jahr 1888. Aus der Zeit dieser neugotischen Renovierung stammen die Kanzel, die Kreuzwegbilder, die Beichtstühle, das Triumphkreuz und der „Familienaltar“ unter dem Südturm. Lukas Memken war hier der Künstler.

Die Orgel der Johanniskirche und links und rechts Statuen. Sie wurde in den Jahrhunderten immer wieder mal restauriert und umgesetzt. Seit 1996 ist sie wieder an der ursprünglichen Stelle.

Er wurde 1862 geboren und hatte sein Atelier in unmittelbarer Nähe der Johanniskirche.

Petrus mit dem Himmelsschlüssel

Schaut man auf die Orgel in westliche Richtung, sieht man rechts und links davon zwei Figuren auf Konsolen an Pfeilern. Das sind Petrus und Paulus. Sie gelten als Apostelfürsten. D.h. sie hatten eine besondere Stellung in der Kirche, weshalb ihnen dieser Ehrentitel, als Anführer der Apostel zugeschrieben wurde.

Glaubt man der Legende, dann sind beide am gleichen Tag in Rom hingerichtet worden. Petrus gekreuzigt, Paulus mit Schwert geköpft.

Paulus mit dem Schwert

Die beiden Figuren sind von Jeremias Geisselbrunn aus dem Jahre 1630. Sie waren ursprünglich für den barocken Hochaltar der ehemaligen Jesuitenkirche am Neumarkt geschaffen worden.

Das ist die Gottesmutter Maria mit dem verstorbenen Jesus Christus auf ihrem Schoß. Es erinnert an den biblischen Bericht vom Tod Jesu: Nachdem der Leichnam vom Kreuz genommen wurde, wurde er in den Schoß Marias gelegt. Für trauernde Menschen ist diese Pieta ein Trost.

Die Pieta, in der Kirche wurde von Lukas Memken geschaffen. Es soll angeblich eine Ähnlichkeit mit seiner Frau zu erkennen sein.

Memken wurde 1862 in Hersum auf dem Hümmling geboren.

Der Begriff Triumphkreuz zeigt auf den Triumph des auferstandenen Christus über den Tod.

Er betrieb die Bildhauerei in Holz und Stein. Sein Atelier war im Schatten der Johanniskirche. Von eben diesem Künstler stammt auch das große Triumphkreuz aus St. Johann, das er 1910 nach mittelalterlichen Vorbildern schuf. Polychromiert, also farbig bemalt, wurde es dann von dem Restaurator Wiegand.

Der Familienaltar

Der „Familienaltar“ unter dem Südturm, gefällt mir am besten. Man beachte die vielen Einzelheiten der liebevoll geschnitzten Szenen.

Maria und Josef auf dem Weg zur Volkszählung.
Übrigens rief dazu ein Quirinius auf. Der Statthalter Roms im Osten, also in Syrien, war er aber erst im Jahre 6 n. Chr. Geburt. Ist Jesus Christus deshalb im Jahr 6 nach Christus geboren? Forscher sind sich uneinig.

Ich glaube auch wieder von Lukas Memken. Hier wird wohl das Leben der Heiligen Familie darstellt. Unter anderem auch die Flucht nach Ägypten. Weitere Bilder finden sie auf der rechten Seite ein wenig tiefer.

Hochaltar? Heute nicht mehr. Aber alten Schriften lässt sich entnehmen, dass er das früher war. Das was man heute sieht, ist nur der noch erhaltene Mittelteil. Er ist 2,70 m hoch und 3,77 m breit. Die ursprüngliche Gesamtbreite soll 7,54 m gewesen sein.

Der Hochaltar oder Passionsaltar und damit der eigentliche Altar steht vor der Ostwand des Hochchores und ist spätgotisch aus dem Jahre 1512. Er wurde von dem Münsteraner Bildhauer Evert van Roden erstellt und zeigt Szenen vom Leiden und der Auferstehung Jesu. 1682 gestaltete man den Altarraum ins Barocke und entfernte den gotischen Hochaltar, doch 1888 wurde wieder neugotisch umgestaltet und er fand wieder seinen alten Platz. Die Flügel fehlen schon ewig. Grund wahrscheinlich der 30ig- Jährige-Krieg, Man vermutet sogar einen evtl. Verkauf nach England. Scharniere an beiden Seiten zeigen aber, dass sie wohl einmal da gewesen sind. Die Figuren waren ursprünglich farbig.

St. Joseph mit dem Jesuskind und der Inschrift: „ora pro no|bis“ – „bitte für uns“. Es handelt sich um Josef von Nazareth, den Bräutigam Marias, der Mutter Jesu. Er wird als Bauhandwerker aus Nazareth vorgestellt und daher immer Zimmermann genannt.

Der Altar stellt Passionsszenen dar. Auf dem Bild erkennen sie die Einzelheiten nicht so gut, aber schauen Sie einmal in Natura, dann sehen Sie links Christus bei Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht, mittig die Kreuzigung und auf der rechten Seite die Auferstehung und Himmelfahrt in Form von Maria und den Jüngern, die niederknien. Darunter befinden sich fünfzehn Nischen mit 39 cm hohen Figuren von Christus, den zwölf Aposteln, Maria und Johannes der Täufer. Zwei Apostel fehlen, nämlich Petrus und Thomas. Sie sind seit der Auslagerung im zweiten Weltkrieg verloren.

In der Kirche sind auch ein paar sehr schöne Epitaphien („zum Grab gehörend“) zu finden. Das sind Grabinschriften oder Grabdenkmäler für einen Verstorbenen die an einer angebracht Kirchenwand sind.

Im Mittelteil zeigt ein Relief Christus mit den schlafenden Jüngern am Ölberg, rechts in der Mitte die Figur des Stifters. Eingerahmt wird die Szene von zwei Karyatiden (so nennt man die Skulptur einer weiblichen Figur, die in der Architektur eine tragende Funktion hat): links Fides mit einem Kelch, rechts Spes mit einem Anker, beide stehen auf Sockeln, die ihre Namen tragen. Unterhalb des Ölbergreliefs auf einer querrechteckigen Tafel in erhabenen Buchstaben die Inschrift, seitlich auf den Pilastern Löwenköpfe. Den unteren Abschluss bildet in der Mitte ein Engelskopf zwischen Voluten, seitlich auf gleicher Höhe zwei weibliche Masken. In der Bekrönung des Epitaphs oberhalb eines vorspringenden Gesimses ein Schild mit dem Wappen des Verstorbenen, rechts und links davon zwei Frauengestalten: Justitia mit dem Schwert und Fortitudo mit der Säule.
Übersetzung der Inschrift:
Dem verehrungswürdigen und sehr kundigen Mann, Herrn Konrad von der Borg. Lizentiat beider Rechte und ein sehr kluger Dechant nicht nur dieser, sondern auch der Kirche zu Wildeshausen, haben seine Testamentsvollstrecker in frommem Eifer (dies) setzen lassen im Jahr nach Christi Geburt 1586.

Hier links das Epitaph des Konrad von der Borg aus Sandstein, das sich an der Ostwand des nördlichen Querschiffs befindet.  Wieviel man sich bei so einer Gestaltung gedacht hat, sehen Sie in der Erklärung, die ich in einem Inschriftenkatalog der Stadt Osnabrück fand.

An der Südwand befindet sich eine Hälfte einer ehemaligen Doppelmadonna im Strahlenkranz aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts.

Schön  anzusehen auch der Tabernakel. Er steht an der Ostwand des südlichen Querschiffes. Das Sakramentshaus aus der Mitte des 15. Jahrhundert ist der Aufbewahrungsort für das Allerheiligste -die Reliquie-  der Kirche. Es stammt aus dem Jahr 1440 und war früher an anderer Stelle eingefügt. 1972 wurde es an die jetzige Stelle versetzt und verlor auch einen Aufsatz.

Übrigens sind einige der Reliquien St. Johanns so alt wie die Kirche selbst. Sie waren lange in Vergessenheit geraten und wurden in den 1970er Jahren eingenäht in aufwendige Seidenstoffe und  eingemauert in einer Altarnische wiedergefunden. Die Reliquien sorgen angeblich für die Gegenwart der Heiligen, von denen sie stammen.

Sie möchten wissen, was man sich unter einer Relique vorstellen muss? Eine ist z.B. die „Rippe des hl. Amor“, gestorben ca. 767 n. Chr.. Sie kam zu St Johann als Gabe des Klosters Munsterbilzen in Belgien. Also eher eine idelle Sache, als ein greifbarer Wert.

An den beiden vorderen Pfeilern ist rechts Maria und links der Erzengel Gabriel zu sehen. Es wird die Verkündigungsszene dargestellt.

Diese ist auch das Motiv der vergoldeten Tabernakeltür, die sich in der Mitte befindet. Zudem sind Darstellungen aus dem Leben Johannes des Täufers, die zwölf Apostel und die vier Kirchenlehrer Augustinus, Ambrosius, Gregor und Hieronymus erkennbar.

Das Sakramentshaus mit Tabernakel: Im Bogen sind die alttestamentlichen Propheten zu sehen. An den Strebepfeilern die zwölf Apostel und darüber die Verkündigungsszene mit Maria und dem Engel; außerdem Szenen aus dem Leben des Apostels Johannes. Das feuervergoldete Messinggitter hat Symbole der vier Evangelisten, und einer Wiederholung der Verkündigungsszene und im Zentrum der Figur des Täufers Johannes

Wenn man nun die Kirche verlässt und in Richtung Johannisstraße geht, entdeckt man einen kleinen Kirchenanbau.

Anbetungskapelle

Links das ist die Anbetungskapelle. Sie wurde zu Beginn des 14. Jahrhundert von der Familie von Bar als Begräbniskapelle errichtet. Sie hatte auch den Namen Kreuzkapelle. Die Außenmauern sind aus Bruchsteinen. Später war sie dann alles, von Abstellraum bis Kriegerdenkmal. im Jahr 2002 erfolgte eine vollständige Renovierung der Kapelle.

Kreuz in der Anbetungskapelle

Einer der Gründe für die Renovierung war es, den gotischen Charakter wieder herzustellen.

Fenster der Anbetungskapelle

Das Kreuz übrigens ist aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und war ursprünglich das Triumphkreuz der Kirche St. Johann.

An der Süd- und Westseite befindet sich je ein zweigeteiltes Maßwerkfenster. In der Kapelle steht heute ein von Walter Mellmann gestalteter moderner Altar.

Tabernakel in der Anbetungskapelle

Über ihm befindet sich das Tabernakel, das sie links im Bild sehen.

Noch etwas Besonderes, dass zwar nicht zur Kirche gehört, aber so von ihr beeinflusst wurde, dass es aussieht, wie es heute aussieht. Auf der Südseite der Kirche, also zur Johannisfreiheit hin sehen Sie etwas wie eine Litfaßsäule. Die habe ich auch immer wahrgenommen, mir aber nie Gedanken gemacht, was die sollte und ob die alt ist. Erst als ich mich mit Osnabrück mehr beschäftigte, stieß ich auf die

Abluftsäule

Abluftsäule neben St. Johann

Eigentlich ganz profan und damit auch schon erledigt. Sie be- und entlüftet eine unterirdische Toilette und steht unter Denkmalschutz. Aber Sie können sich sicherlich denken, dass ich die nicht erwähnen würde, wenn es das schon gewesen wäre. Richtig. Wenn man sich die einmal ganz genau ansieht, steigt das Interesse.

Nachdem der Stift St. Johann gegründet wurde und sich drumherum in Jahrhunderten ein Siedlungskern entwickelte, wurde im 19.Jahrhundert ein WC (besser Bedürfnisanstalt) aus Blech gebaut. Die fand man in den 1920er Jahren als anstößig, weshalb sie abgerissen und dann Ende der 20iger Jahre unterirdisch neu gebaut wurde.

Der Tod

Nur, wer das von zu Hause kennt, der weiß, die musste auch entlüftet werden. Dazu sollte eine Litfaßsäule gebaut werden, doch dafür hätte die Kirche Werbeplakate in unmittelbarer Nähe akzeptieren müssen, was natürlich unmöglich war. Man kam also darauf, Kunst zu schaffen, oder jedenfalls etwas, was die „vorübereilenden Menschen zum Verweilen aufforderte und zur Besinnlichkeit anregte“.

Geschichten auf der Säule:
Ein vom Auto angefahrener Mann, eine Frau mit Handtasche und aufgespanntem Schirm oder ein Mann, der einem Jungen droht.

Es wurde also vom Architekten Theo Burlage (1894-1971) eine Säule entworfen, die außen mit Tonreliefplatten und Tonfiguren von Wolfdietrich Stein (1900-1941) verziert wurde. Auf den Platten findet man Tiere und „Geschichten“. Es werden sogar Sprichwörter dargestellt, wie „vor der eigenen Tür kehren“ oder „der Himmel hängt voller Geigen“.

Oben auf der Krone ist eine Inschrift: „Der Tod frisst alle Menschenkind‘, fragt nich wes Stand und Ehr‘ sie sind. Der Tod fragt nicht nach Zeit, würgt alt‘ und junge Leut‘“ Dazwischen werden Schriftbänder mit Plastiken dargestellt, z.B. der Tod und junge und alte Menschen, die von ihm aus dem Leben gerissen werden. Anfang der 1980iger Jahre wurde die Säule teilweise restauriert. Sie sehen, so kann auch aus so etwas uninteressantem wie einer Toilettenabluftsäule Kunst werden. Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Und wenn Sie einmal in der Nähe sind, vielleicht auch gerade bei uns Bekleidung in Übergrößen eingekauft haben, dann gehen Sie dort vorbei, Sie werden staunen, mit welchem Aufwand die Platten Alltägliches darstellen.

Seitenansicht von St. Johann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.